"Niemand darf wissen, dass ich Sinti bin"
Früh am Morgen bin ich losgekommen, das Wandern machte Spass und ich kam gut vorwärts.
Allerdings erleichtere ich mir den Weg, indem ich Abkürzungen nehme oder mal ein Stück auf den Fahrradweg wandere.
So querte ich in Kinheim die Mosel, um eine Schleife nicht laufen zu müssen.
In einem Ort, ich will den Namen nicht nennen, kam ich mit einer Frau ins Gespräch, die einen Handel mit Schmuck und Antiquitäten betreibt. Im Laufe des Gesprächs stellte sich heraus, dass sie Sinti ist. Das dürfe aber niemand wissen, wegen der Nazis habe sie Angst.
So weit sind wir also schon wieder! Mir lief es kalt den Rücken runter. Scham, Wut, Hilflosigkeit.Was kann man bloß dagegen machen?
Dann überquerte ich die Landzunge, um den Weg nach Graach abzukürzen. Das wurde zum Desaster. Wege, die in der Karte eingetragen waren, existierten nicht (mehr?)
Ich musste mich ziemlich zurecht suchen. Das IPad hatte so wenig Strom, dass ich Alfons Karte nur im Notfall befragen wollte. Und dann die Katastrophe: quer über die Landzunge wird eine Autobahn gebaut. Lehmgelb und stellenweise leicht ziegelrot zog sich eine riesige Wunde durch das Land. Eine tiefe Schlucht lag vor mir, die nicht zu überwinden war.
Seit Stunden war mir kein Mensch begegnet, den ich hätte fragen können. Doch dann hatte ich Glück und traf einen Wanderer, der mir sagen konnte, wo der einzige Übergang war.
Inzwischen war ich so erschöpft, dass ich nicht wusste, wie ich nach Graach hinunter kommen sollte. Aber ich musste Trinkwasser haben. Zum Glück, im Ortsteil Schäferei fand ich ein Lokal und einen freundlichen Menschen, der mir anbot, nachdem ich gegessen hatte bei ihm auf der Wiese hinterm Haus zu übernachten.
Als ich an dem benannten Haus ankam, war der junge Mann, der mich eingeladen hatte nicht da und seine Mutter wusste von nichts. Trotzdem ließ sie mich dort schlafen, brachte mir sogar abends und morgens noch einen Kaffee und morgens drei Schnitten Brot.
Abends war ich so müde, dass ich keinen Blog mehr schreiben wollte. Außerdem musste das IPad erst wieder voll geladen sein.

Heute Morgen kam ich früh los und wanderte frohgemut nach Bernkastel Kues hinunter.
Mir war im gesamten Moseltal aufgefallen, dass es keinen einzigen Bau gab, der nicht in die Landschaft passte. Alle Häuser mit Spitzdach und schiefergrauen Pfannen gedeckt. In Kues war das anders. Das Rehazentrum und das Sanatorium der Cuesanus Stiftung knallten weiß und mächtig aus dem dunklen Wald. Auch eine Fabrik, in grün gehalten zog sich am Moselufer entlang.
Bernkastel ist ein schöner Ort, mit vielen alten Fachwerkhäusern, zum Teil fünf Stockwerke hoch. Die Balken wurden früher mit einen Mischung aus Ochsenblut und Galle gestrichen und waren reich verziert.
Aber so viele Touristen wie dort sind mir noch nirgendwo begegnet. Allein auf dem Marktplatz waren vier Führer mit ihren Fähnchen, um die Gruppen beisammen zu halten.
Drei von ihnen Sprachen englisch. Ich hörte eine Weile bei der einzigen deutschen Gruppe zu und machte mich dann wieder auf den Weg.
Als ich am Geburtshaus von Nikolaus von Cuesanus vorbei kam, konnte ich nicht widerstehen und habe mir die Ausstellung ausgiebig angeschaut. Besonders beeindruckt hat mich die Jahrgangsarbeit eines Schülers aus der 12. Klasse, der sich mit der Philosophie des N. V Cuesanus auseinander gesetzt hat.
Ich weiß jetzt eine Menge mehr über diesen Theologen, Juristen Mathematiker, Astronomen und nicht zuletzt Humanisten. Ich werde mich sicher noch ausgiebiger mit ihm beschäftigen.
Gleich werde ich in Lieser wieder auf den Moselsteig treffen. Dort noch ein kleines Stück bis zu einer Schutzhütte wandern, in der Hoffnung dort übernachten zu können.
Smilla ist übrigens super brav, sie hat zwei Stunden, an meinen Rucksack angebunden, auf mich gewartet, als ich im Museum war. Auch an der Leine geht sie brav, wenn wir auf Radwegen unterwegs sind. Aber auf Wanderwegen kann sie frei laufen und genießt das sehr.
Bis morgen
Heide